“Die Wegrichtung ist variabel“

Montag, 17.6.

Am Abend meines Pausentages erreichen dann Alex und Jean den Gasthof. Beide laufen die Via Alpina, haben sich unterwegs getroffen und laufen seitdem zusammen. Ab heute stoße ich dazu und werde sie einen Teil des Weges begleiten. Jean ist Mitte 50 und topfit, er wird den ganzen Weg bis nach Monaco laufen. Alex ist da spontan und schaut, wie weit er kommt. Es ist schön, endlich Weggefährten zu treffen, habe ich doch noch heute früh darüber nachgedacht.

Ich unterhalte mich noch lange mit den Beiden. Jean kommt aus dem Schweizer Wallis und spricht französisch, Alex übernimmt als Schweizer die Dolmetscher-Funktion zwischen uns beiden.

Am nächsten Tag beginnen wir zu dritt die Etappe, es geht 1700m hoch bis zur Egger Alm. Dass wir dort erst später als gedacht ankommen, konnten wir noch nicht ahnen. Aber wie Alex so schön sagte:

die Wegrichtung ist variabel:

man weiß nie genau, wo bzw. ob man ankommt, ob man sich verläuft oder was einem auf dem Weg so passiert. Auch wenn wir anfangs gemeinsam gehen, verfällt jeder irgendwann in sein eigenes Tempo, was völlig in Ordnung ist. Meist trifft man sich am Ende wieder und trinkt auf der Alm zusammen ein Bier. Jean läuft zügig voran und wir verlieren ihn bald aus den Augen. Als ich kurz vor einem Anstieg eine Pause einlege, läuft mir auch Alex davon. Ihn hole ich später wieder ein: er hat auf der Achomitzer Alm bereits Gesellschaft gefunden und ist in eine gesellige Runde integriert, bestehend aus: dem Polizeiobermeister, dem Förster, der Gemeindevorsteherin sowie den Gastleuten der Alm. Es fand heute eine Wildwasserbegehung statt und jetzt ist Feierabends-Zeit. Ich geselle mich dazu und werde auf einen Kaffee eingeladen. Alkohol lehne ich wie Alex anfangs noch ab, schließlich müssen wir noch weiterlaufen. Zudem fehlt uns noch Jean, der uns auf dem Weg irgendwie abhanden gekommen ist.

Der uns später angebotene Apfelmost muss irgendwie schlecht gewesen sein, zumindest schmeckte er ziemlich sauer – aber auch lecker. 😋

Dies war erst der Anfang, später kam noch Wein und Schnaps hinzu. Und kaum hat man mal nicht hingeschaut, war das Glas schon wieder voll. Später erreichte uns auch Jean vor Schweiß triefend, er hatte tatsächlich einen gewaltigen Umweg genommen. Der Weg ist variabel, dachte ich mir und Jean bestätigte mich mit seiner Lebensweisheit darin: ich solle den Augenblick so nehmen, wie er kommt und ihn auskosten. Und diese spontane Pause mit wieder mal sehr netter Gastfreundschaft war nicht planbar, es ist einfach so passiert. Und genau das liebe ich so an dieser Tour.

Später sind wir übrigens noch ca.20min. zum eigentlichen Ziel gewankt, der Feistritzer Alm. Nach einem Radler trennten sich unsere Wege kurzzeitig wieder. Alex und Jean wollen in der dortigen Hütte übernachten. Ich laufe noch eine halbe Stunde weiter und will heute mal wieder draußen schlafen. Bei einer momentan menschenleeren Alm, umgeben von Kühen und Pferden.

Aber morgen wollen wir uns wieder treffen, schließlich hat Jean Geburtstag und das muss gefeiert werden!

Alles selbstgemacht vom Gastgeber
Vorne links sitzt Jean, neben mir Alex

Veröffentlicht von Alpen-Schorsch

Ich habe mir dieses Jahr den Traum einer Alpenüberquerung erfüllt. Mein Weg führte mich von Trieste nach Oberstdorf, es handelt sich um den Ostbogen der Via Alpina (roter Weg). Insgesamt war meine Tour in ca. 51 Etappen eingeteilt, mit Puffer und Pausentagen habe ich in etwa zwei Monate eingeplant. Geschlafen wurde auf Hütten, in Pensionen und sofern es das Wetter zuließ, gerne so oft wie möglich unter freiem Himmel. Für weitere Infos zur Tour könnt ihr gerne mal auf der offiziellen Website vorbeischauen: http://www.via-alpina.org/de/page/237/der-rote-weg In einem meiner ersten Beiträge findet ihr zudem eine Übersichtskarte der Alpen, in welcher der rote Weg eingezeichnet ist. Bei weiteren Fragen gerne per Mail melden: georgloesel@gmx.de

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